SchönerDenken

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Der erste Eindruck - direkt nach dem Kino - in etwa 12 Minuten und spoilerfrei, versprochen. Das ist unser Kerngeschäft. Ansonsten echte Liebe für japanische Filme, eine Schwäche für Science-Fiction und ungebrochene Entdeckungslust für bekannte und unbekannte Klassiker. read less

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Folge 1172: SHE SAID - Das Ende der Unantastbarkeit
vor 3 Tagen
Folge 1172: SHE SAID - Das Ende der Unantastbarkeit
Es ging nicht nur darum einen Vergewaltiger zu stoppen, einen sehr erfolgreichen Mann, der seine Macht ausgenutzt hat, um junge Frauen, die von ihm abhängig waren, zu belästigen, auszunutzen, sich an ihnen zu vergehen und ihre Leben zu zerstören. Es ging auch auch darum, das System aufzudecken, dass diesen Mann über Jahrzehnte geschützt hat – ein System von Drohungen und Schweigeverträgen, an dem viele beteiligt waren, Mitarbeiter, der Vorstand seiner Firma, Detektive und Anwälte. Und wer sich wehrte, dessen Karriere war vorbei. Alle, die es versucht hatten, waren daran gescheitert, die Wahrheit über den unantastbaren Hollywood-Mogul Harvey Weinstein zu veröffentlichen. Erst den beiden Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor ist es gelungen – ihre Recherche in der New York Times und der Mut der Frauen, die ihre Geschichte erzählt haben, beendete das frauenverachtende System Weinstein.Maria Schraders Film konzentriert sich auf die langwierige, harte Arbeit, auf die Recherche, auf die Arbeit der Journalistinnen, die Geduld, die Rückschläge, die Zweifel, die unzähligen Telefonate. Dabei entwickelt der Film eine sogartige Wirkung: Während auf der Bildebene nur zwei Frauen hin und her laufen und telefonieren, steigt die Spannung immer weiter und erreicht Höhepunkte, wenn ein Stapel Papier auf einen Tisch gelegt wird oder ein Handy auf einem Tisch zurückgelassen wird. Der Film zeigt das Aufeinandertreffen völlig verschiedener Vorstellungen. Während die Monstrosität Weinsteins für ein mitleidloses, ausbeutendes, toxisches Patriarchat steht, verkörpern die Journalistinnen eine gleichberechtigte Welt, in der Frauen Top-Jobs haben und darin brillant sind und ihre Ehemänner versuchen, ihnen den Rücken freizuhalten.Maria Schrader hat den richtigen Weg gefunden, diese Geschichte zu erzählen und einen großen Journalistinnenfilm geschaffen. Das finden – fast – alle der Üblichen Verdächtigen. Im Mainzer Programmkino Capitol dabei und direkt nach dem Film am Mikrofon waren: Heidi, Bettina, Kathrin, Johanna, Katharina und Thomas.
Folge 1172: SHE SAID - Das Ende der Unantastbarkeit
vor 3 Tagen
Folge 1172: SHE SAID - Das Ende der Unantastbarkeit
Es ging nicht nur darum einen Vergewaltiger zu stoppen, einen sehr erfolgreichen Mann, der seine Macht ausgenutzt hat, um junge Frauen, die von ihm abhängig waren, zu belästigen, auszunutzen, sich an ihnen zu vergehen und ihre Leben zu zerstören. Es ging auch auch darum, das System aufzudecken, dass diesen Mann über Jahrzehnte geschützt hat – ein System von Drohungen und Schweigeverträgen, an dem viele beteiligt waren, Mitarbeiter, der Vorstand seiner Firma, Detektive und Anwälte. Und wer sich wehrte, dessen Karriere war vorbei. Alle, die es versucht hatten, waren daran gescheitert, die Wahrheit über den unantastbaren Hollywood-Mogul Harvey Weinstein zu veröffentlichen. Erst den beiden Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor ist es gelungen – ihre Recherche in der New York Times und der Mut der Frauen, die ihre Geschichte erzählt haben, beendete das frauenverachtende System Weinstein.Maria Schraders Film konzentriert sich auf die langwierige, harte Arbeit, auf die Recherche, auf die Arbeit der Journalistinnen, die Geduld, die Rückschläge, die Zweifel, die unzähligen Telefonate. Dabei entwickelt der Film eine sogartige Wirkung: Während auf der Bildebene nur zwei Frauen hin und her laufen und telefonieren, steigt die Spannung immer weiter und erreicht Höhepunkte, wenn ein Stapel Papier auf einen Tisch gelegt wird oder ein Handy auf einem Tisch zurückgelassen wird. Der Film zeigt das Aufeinandertreffen völlig verschiedener Vorstellungen. Während die Monstrosität Weinsteins für ein mitleidloses, ausbeutendes, toxisches Patriarchat steht, verkörpern die Journalistinnen eine gleichberechtigte Welt, in der Frauen Top-Jobs haben und darin brillant sind und ihre Ehemänner versuchen, ihnen den Rücken freizuhalten.Maria Schrader hat den richtigen Weg gefunden, diese Geschichte zu erzählen und einen großen Journalistinnenfilm geschaffen. Das finden – fast – alle der Üblichen Verdächtigen. Im Mainzer Programmkino Capitol dabei und direkt nach dem Film am Mikrofon waren: Heidi, Bettina, Kathrin, Johanna, Katharina und Thomas.
Folge 1170: AMSTERDAM - Die beste Zeit unseres Lebens
18-11-2022
Folge 1170: AMSTERDAM - Die beste Zeit unseres Lebens
Es gibt viele Gründe, die gegen den Film AMSTERDAM sprechen: die langen Dialoge, die auch das erklären, was man schon gesehen und verstanden hatte. Dazu die zusätzlichen Erklärungen durch die Off-Stimme des Erzählers und dass der Film zu oft gegen die Regel „Show. Don’t tell.“ verstößt. Es ist rätselhaft, warum der Film sich dennoch so gut anfühlt. Vielleicht liegt es am beeindruckenden Ensemble: Chris Rock, Anya Taylor-Joy, Zoe Saldana, Mike Myers, Michael Shannon, Timothy Olyphant, Taylor Swift, Matthias Schoenaerts, Alessandro Nivola, Rami Malek und Robert De Niro – und das sind nur die Nebenrollen. In den Hauptrollen: Christian Bale, Margot Robbie und John David Washington. Vielleicht liegt es auch an der Bildstimmung, die an Wes Anderson erinnert, vielleicht an den Gesangseinlagen der Veteranen. Man möchte den Film auf jeden Fall noch einmal schauen – und sich wieder zurücklehnen und lächeln.Dabei geht es im Film (nach einer wahren Begebenheit) um Leben und Tod: Zwei Soldaten und eine Krankenschwester freunden sich im Ersten Weltkrieg an, eine Freundschaft, die alle Gefahren überdauern wird. Sie helfen sich gegenseitig aus der Patsche und geraten dabei in eine riesige Verschwörung, die angesichts der aktuellen Politik in den Vereinigten Staaten erschreckend aktuell anmutet. Um zu verstehen, was das mit Glasaugen, Vogelbeobachtung und Sterilisierungen zu tun hat, sollte ins Kino gehen. Im Mainzer Programmkino Palatin dabei und direkt nach dem Film am Mikrofon waren: Heidi, Bettina, Kathrin, Hendrik und Thomas.
Folge 1169: DER HAUPTMANN - Vollmacht von ganz oben. Ganz oben.
15-11-2022
Folge 1169: DER HAUPTMANN - Vollmacht von ganz oben. Ganz oben.
Die monströsen Verbrechen im Dritten Reich aus der Täterperspektive zu zeigen, das war die Absicht von Robert Schwentke. Er erzählt die weitgehend wahre Geschichte eines Gefreiten, der fahnenflüchtig oder versprengt, hinter der Front in einem Koffer eine Hauptmannsuniform findet, sich als Offizier mit Befehl vom Führer persönlich ausgibt und im Chaos der letzten Kriegstage andere Soldaten unter sein Kommando bringt. Mit herrischem Auftreten verhindert er, dass er kontrolliert wird. Aber aus der Köpenickiade wird ein absurdes Abschlachten. Den falschen Hauptmann (Max Hubacher) verschlägt es in einer Sammellager von Gefangenen. Dort beginnt er willkürlich oder als Standgericht Gefangene zu erschießen oder erschießen zu lassen.Grotesk, erschreckend, erschütternd sind die Schwarzweissbilder von Robert Schwentke, dabei fast zu schön. Der Hauptmann wird immer sicherer und grausamer, seine Männer verlieren ihre Gewissensbisse, wenn sie welche hatten oder fallen in einen Blutrausch. Im Podcast direkt nach dem Film vor dem Kino diskutieren Bettina und Thomas, wie der Film geworden wäre, wenn Frederick Lau den falschen Hauptmann gespielt hätte, über Distanz durch Schwarzweiss, über die Illusion von Regeln und Ordnung und über die Enden des Films. Sie sind sich dabei sicher, dass sich die Verbrechen dieses selbsternannten Schnellgerichts unter ähnlichen Bedingungen wieder ereignen können. Zumindest in Deutschland.Gesehen haben wir den Film auf dem Filmfestival FILMZ in Mainz 2022 und spoilern ausnahmsweise.
Folge 1168: BLACK PANTHER - WAKANDA FOREVER – Das Tabu von Tod und Trauer
13-11-2022
Folge 1168: BLACK PANTHER - WAKANDA FOREVER – Das Tabu von Tod und Trauer
Der tragische Tod von Chadwick Boseman hat eine große Karriere beendet, als sie gerade richtig angefangen hatte. Millionen Zuschauer hatten sich darauf gefreut, den so talentierten und so charismatischen Schauspieler in den nächsten Jahrzehnten in vielen Hauptrollen zu sehen. Auch Kevin Feiger und Ryan Coogler hatten mit ihm und Black Panther großes vor. Sie haben sich gegen eine Neubesetzung der Rolle entschieden und eine neue Geschichte konzipiert, eine Geschichte, wie es sie im Unterhaltungskino selten gibt, über Trauer, Wut, Verzweiflung, Rache, über den Tod und über den Versuch neu zu beginnen. Dabei zeigt der Film immer wieder eine Ernsthaftigkeit und eine Schwere in der Trauer um Back Panther/T’Challa, dass man den Eindruck hat, die Trauer um Chadwick Boseman ist in diesen Film eingeflossen. Das haben wir nicht erwartet. Und wir haben auch nicht erwartet, dass der Film sich so klar und unüberhörbar mit Kolonialismus und der politischen Realität der Ressourcenkriege auseinandersetzt. Wir haben nicht gerechnet mit der Leichtigkeit, mit der der Film zu 98 Prozent auf weiße Darsteller verzichtet oder damit, dass fast alle klugen und fast alle kämpfenden Charaktere schwarze Frauen sind. Es war verdammt an der Zeit. Repräsentation ist wichtig, so viel wichtiger als die meisten weißen Zuschauer denken, für die bisher fast alle Filme gemacht worden waren.Shuri, T’Challas Schwester, kann ihren Bruder nicht retten, der in den ersten Minuten des Films an einer unbekannten Krankheit stirbt. Während die Trauer Shuri (Letitita Wright) und Königin Ramonda (phänomenal: Angela Bassett) belastet, versuchen alle Staaten an das Vibranium zu kommen und hoffen, dass Wakanda ohne den Schutz des Black Panther sich nicht wehren kann. Aber die eigentliche Gefahr kommt aus dem Meer und das wollen wir hier nicht spoilern. Im Podcast direkt nach dem Film versuchen Johanna, Tom und Thomas sich zu erklären, warum der Film so gelungen ist und so einen tiefen Eindruck hinterlassen hat – obwohl eigentlich einige Dinge gar nicht gehen: Ein Held hat alberne Flügelchen am Fuß wie eine Hermes-Parodie, die Songs sind eine Ethnowellnesszumutung (aber der Score ist super!) und wer zur Hölle ist auf die Idee gekommen, „Wakanda Forever“ ins Deutsche am besten mit „Wakanda über alles!“ zu übersetzen? Aber das alles macht dem Film nichts aus. Das ist so gutes Kino, wie ein Mainstreamsuperheldenunterhaltungsfilm es nur sein kann.
Folge 1165: SOLARIS - Der Mensch braucht nur den Menschen
24-10-2022
Folge 1165: SOLARIS - Der Mensch braucht nur den Menschen
Wir suchen da draußen im Kosmos intelligente Außerirdische, einen zweiten Planeten – oder Gott. Aber wir werden uns nur selbst finden – und wenn wir eine fremde Intelligenz finden, werden wir sie nicht verstehen. Stattdessen wird sie uns spiegeln, unsere innersten Ängste, unsere Erinnerungen aus uns herausholen. Genau das beschreibt Stanislaw Lem in seinem Roman SOLARIS und Tarkovsky in seiner Verfilmung 1972: Die Männer aus der Station werden mit Verkörperungen ihres Unterbewussten konfrontiert, Doppelgänger, die nur wissen, was in der Erinnerung lag, Doppelgänger, die leben und atmen und unsterblich sind. „Gäste“ nennen die Wissenschaftler sie. Der Psychologe Kris Kelvin (Donatas Banionis) wird auf die Station geschickt, um zu entscheiden, was zu tun ist. Aber es geht ihm wie den anderen Männern. Aus seiner Erinnerung taucht seine ehemalige Freundin Hari auf, die sich nach der Trennung getötet hatte. Jetzt will Kris es besser machen, aber Hari ist genauso verzweifelt wie in seiner Erinnerung …Direkt nach dem Film reden Johanna (die den Film zum ersten Mal gesehen hat) und Thomas über lange Kameraeinstellungen und noch längere Straßen in Akasaka (Tokio), über Kleider, die man aufschneiden muss, über männliche Perspektiven und die Verarbeitung gescheiterter Beziehungen, über verdichtete philosophische Gespräche (wo ist Daniel Brockmeier, wenn man ihn braucht?), beeindruckendes Raumstationsdesign, noch beeindruckenderes Kostümdesign und Foreshadowing durch Orgelmusik. Gesehen haben wir den Film in der digital restaurierten Fassung im russischen Original mit deutschen Untertiteln im Kommunalen Kino in Mainz, dem Cinemayence.
Folge 1164: BOHNENSTANGE - Keine Heilung
21-10-2022
Folge 1164: BOHNENSTANGE - Keine Heilung
Zwei Frauen in Leningrad haben den Krieg überlebt, eine als Soldatin, eine als Krankenschwester – beide sind versehrt und tragen mehr oder weniger sichtbare Narben. Ija, dünn und sehr groß (daher der Spitzname Bohnenstange), kümmert sich um den kleinen Sohn ihrer Freundin Mascha. Aber sie ist überfordert und erst spät versteht man als Zuschauer ihre Anfälle und ihre Krankheit. Auch die, die den Krieg überlebt haben, sterben, nicht für jeden gibt es eine Zukunft. Und manchmal ist der Tod gnädiger als das Leben. Maschas Kind stirbt und Ija soll ein neues Kind für Mascha auf die Welt bringen. Das soll die beiden traumatisierten Frauen aus ihrer Verzweiflung herausführen und alles heilen. Wir wissen aber, dass es keine Heilung gibt. Regisseur Kantemir Balagow findet für diese düstere Geschichte überraschend farbenfrohe Bilder oder zeigt einmal nur Stiefel statt Menschen, um uns nicht mit Gesichtern abzulenken. Starke Regie und wirklich beeindruckende Darstellerinnen, vor allem Wiktoria Miroschnitschenko als Bohnenstange Ija und Wassilissa Perelygina als ihre Freundin Mascha. Im Podcast direkt nach dem Film reden Johanna und Thomas über toxische Beziehungen, bekleidete Sexszenen und nackte Frauen, stilles Leid und Inzidenzmusik. Gesehen haben wir den Film im Kommunalen Kino in Mainz, dem Cinemayence.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenMusik von Johannes KlanBohnenstange (Dylda)R 2019, 137 Min., Regie: Kantemir Balagow
Folge 1163: TAUSEND ZEILEN - zu schön, um wahr zu sein
17-10-2022
Folge 1163: TAUSEND ZEILEN - zu schön, um wahr zu sein
Es war klar, dass Michael Bully Herbig nicht der geeignetste Regisseur ist, um aus dem Skandal um Claas Relotius einen hochwertigen Thriller wie SHATTERED GLASS oder SPOTLIGHT zu erschaffen. Aber es ist dann doch erschreckend, wie leicht und seicht Bully hier eine harmlose Familienkomödie um einen der größten Journalistenskandale der letzten 50 Jahre bastelt. Worum geht es? Juan Romero (aka Juan Moreno) arbeitet mit dem preisgekrönten Überfliegerreporter Lars Bogenius (aka Claas Relotius) und stellt fest, dass an Bogenius Geschichte etwas nicht stimmt. Er recherchiert und stößt auf ein riesiges Lügengebäude. Aber die Chefs der Chronik (aka Der Spiegel) wollen nicht auf ihn hören. Also gräbt Romero tiefer …Herbig verzichtet auf den Thrill der Geschichte – die potentielle Spannung der schrittweisen Enthüllung wird verschenkt, stattdessen konzentriert sich Herbig auf die zum Teil gelungene Ebene der Familienkomödie. Auch das Niveau von SCHTONK als Mediensatire oder der kluge Witz der Komödien von Adam McKay werden überhaupt nicht erreicht. Im Podcast direkt nach dem Film grübelt Bettina über die Hintergründe von Claas Relotius und die Schuldfrage nach und erinnert an den Skandal um LOVE MOBIL. Thomas bleibt hartleibig: Für Relotius/Bogenius gibt es keine Entschuldigung – nicht zu lügen ist die Kernkompetenz, die Grundvoraussetzung für die Arbeit als Journalist:in. Was im Film wahr ist und was für den Film erfunden worden ist, bleibt dann auch noch völlig unklar. Danke an Bettina und Johanna, die im strömenden Regen vor dem Palatin ausgeharrt haben – alles für den Podcast!Hier findet Ihr alle unsere Podcast-Episoden über JournalistenfilmeLese- und Hörtipp: Der Blog und Podcast Journalistenfilme.de von Patrick TormaText und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenMusik von Johannes KlanTausend ZeilenD 2022, 93 Min., Regie: Michael Bully Herbig
Folge 1162: DON'T WORRY DARLING - Die eigene Welt erschaffen
15-10-2022
Folge 1162: DON'T WORRY DARLING - Die eigene Welt erschaffen
Es ist ein Traum von einer Welt: die 1950er Jahre – Alice und Jack leben in der Victory-Siedlung in der Wüste, luxuriös, perfekt, aber abgeschieden vom Rest der Welt. Die Männer dürfen nicht über ihren Job reden, die Frauen kümmern sich gefügig um Haushalt und Kinder, drinken Cocktails mit den Nachbarinnen und führen ein sorgloses Leben. Eigene Entscheidungen aber können sie nicht treffen. Alice fällt auf, dass etwas nicht stimmt in dieser Welt. Als ihre Freundin Margaret paranoid wird, fängt sie an zu zweifeln … Als Zuschauer kann man sich einen Spaß daraus machen, die vielen Vorbilder und Zitate in diesem dystopischen aber bunten Science-Fiction zu finden: THE STEPFORD WIVES, TRUMAN SHOW oder WELT AM DRAHT. Olivia Wilde nutzt die Twisttechnik von M. Night Shyamalan und erschafft eine wunderschöne Welt, deren Bedrohlichkeit immer stärker spürbar wird. Der Kopf des Victory-Projects ist Frank – offenbar inspiriert vom umstrittenen Psychologen Jordan Peterson – sehr beeindruckend gespielt von Chris Pine. Die Szenen zwischen Chris Pine und Florence Pugh gehören zu den Highlights des Films. Im Podcast direkt nach dem Film gehen die Meinungen auseinander: Sind die Rollenbilder von Frauen und Männern nicht zu simpel? Sind die Träume der Männer tatsächlich so primitiv? Fehlt das „Geheimnis“? Fast alle der Üblichen Verdächtigen empfinden den Film als langatmig oder sogar langweilig und vermissen Substanz und Relevanz. Thomas ist als einziger überzeugt vom Film – er lobt die Atmosphäre der Bedrohung, die Bildkraft und das gebremste Erzähltempo. Für ihn ist die simple und höchst reaktionäre Welt von Victory ein feuchter Traum der US-Republikaner und hoch aktuell. Hört selbst. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Heidi, Katharina, Johanna, Tom und Thomas.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenDon’t Worry DarlingUSA 2022, 123 Min., Regie: Olivia Wilde
Folge 1161: SOY CUBA - Ein wiederentdecktes Meisterwerk – featuring Tom (filmsucht.org)
09-10-2022
Folge 1161: SOY CUBA - Ein wiederentdecktes Meisterwerk – featuring Tom (filmsucht.org)
Für einen ganz besonderen Film braucht man einen besonderen Gast: SOY CUBA bespricht Thomas mit Tom Schünemann, der kluge Kopf hinter filmsucht.org – eines der informativsten und schönsten deutschsprachigen Filmblogs. Tom kannte SOY CUBA bereits, für Thomas war es eine Neuentdeckung, als ein Ausschnitt der legendären Plansequenz auf Twitter gepostet wurde. Anderthalb Stunden haben wir uns Zeit genommen, um uns dem lange Zeit vergessenenen Meisterwerk SOY CUBA anzunähern, einem sowjetischen Propagandafilm über die Vorgeschichte der kubanischen Revolution, gedreht direkt nach der Revolution. Die Sowjetunion schickte mit dem Regisseur Michail Kalatosov und dem Kameramann Sergei Urussewski die besten ihrer Zunft nach Kuba, ausgestattet mit Geld und umfangreicher Ausrüstung, die als Förderung der kubanischen Filmkultur dort blieb. Zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten für den Film, der weder bei den Russen noch den Kubanern gut ankam – den Russen war er zu naiv, den Kubanern nicht positiv genug auf Kubas Zukunft ausgerichtet. Und so verschwand der Film, um erst Anfang der 1990er Jahre wieder aufzutauchen. Scorsese und Coppola waren begeistert und entschlossen sich, eine Neuveröffentlichung zu produzieren.Das Besondere an SOY CUBA ist seine visionäre Bildsprache und bahnbrechende Kameraarbeit: Kalatosov und Urussewski nutzen viele verschiedene filmische Mittel, um die immersive und emotionale Wirkung der Bilder zu verstärken. Den tiefsten Eindruck hinterlässt eine atemberaubende Plansequenz, die den Trauerzug für einen ermordeten Studenten zeigt. Die Kamera startet am Sarg, mitten unter den Menschen und löst sich dann, fliegt langsam schwerelos nach oben, zeigt immer mehr eine beeindruckende Totale hoch über der Straße, fliegt über die Menschen, verlässt ohne Schnitt den Trauerzug, schwebt durch eine Fabrik, durch ein Fenster wieder hinaus und wieder über den Trauerzug. Als Zuschauer bleibt einem der Mund offen stehen. Im Podcast sprechen Tom und Thomas über die Kameras und die einfallsreiche Technik, die dafür eingesetzt worden ist. Sie sprechen unter anderem über die vier Akte, die vier unterschiedlichen Protagonisten folgen, über Propaganda, Eisenstein, über die kubanische Geschichte, über die Dreharbeiten und die Produzentin Bela Fridman, über rauschhafte Tanzszenen, gefährliche Matrosen, Spartakus-Momente und erklären, warum Regisseur Kalatosov von den Kubanern das „sibirische Mammut“ genannt wurde.Toms Filmkritik findet Ihr hier auf filmsucht.org.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenTrigon-Films (Link zur DVD)Musik von Johannes KlanSoy Cuba (Ich bin Kuba)Kuba 1964, 135 Min., Regie: Michael Kalatosov
Folge 1160: VESPER - Überleben nach dem Ende der Welt
07-10-2022
Folge 1160: VESPER - Überleben nach dem Ende der Welt
In der nahen Zukunft wird die Menschheit versuchen gegen ökologische Katastrophen synthetische Biologie einzusetzen – die biogenetischen Maßnahmen scheitern vollständig. Alle Tiere, fast alle essbaren Pflanzen werden ausgelöscht, stattdessen entstehen feindliche, giftige Pflanzen. Die wenigen verbliebenen Menschen kämpfen ums Überleben. Im Mittelpunkt des Films steht das Mädchen Vesper (Raffiella Chapman), sie versucht die biosynthetischen Veränderungen zu verstehen und versucht ihren todkranken Vater zu beschützen. Dabei hält sie Abstand zum grimmigen Anführer Jonas (Eddie Marsan) und verheimlicht vor ihm, dass sie ein Mädchen (Rosy McEwen) gefunden hat, das aus der Zitadelle kommt, wo Menschen über Technik und Wohlstand verfügen. Die Zitadelle tauscht mit den Menschen „draußen“ sterilisiertes Saatgut gegen Blutkonserven …Der litauische Near-Future-Science-Fiction ist ebenso erschreckend realistisch in seiner Saatgut-Prognose wie in seiner Darstellung der menschlichen Gesellschaft nach dem Zusammenbruch der wirtschaftlichen und öffentlichen Ordnung: Über Technologie verfügende Gruppen werden sich isolieren von den Menschen, die den katastrophalen Lebensbedingungen ungeschützt ausgeliefert sein werden. Dabei beweist der Film einen enormen Erfindungsreichtum und beeindruckende Gestaltungskraft: Die neuen Pflanzen sind ebenso furchterregend wie wunderschön, sie leuchten, beißen, streicheln und saugen den Menschen das Blut aus. Noch schlimmer aber ist der Kampf der Menschen untereinander, der Verlust von Moral und Menschlichkeit. Dabei deutet der Film auch sexuelle Gewalt an. Direkt nach dem Kino (wir haben den Film OmeU im Palatin gesehen) sind Johanna und Thomas sehr beeindruckt und empfehlen dieses düsteren, meisterhaften Science-Fiction-Film aus Litauen.Die schlechte Tonqualität bitten wir zu entschuldigen - wir waren ohne unsere übliche Ausrüstung unterwegs.WICHTIG: Wir haben VESPER im Programmkino Capitol&Palatin in Mainz gesehen, sehr viele SchönerDenken-Episoden zu anspruchsvolleren Filmen sind vor diesem Programmkino aufgezeichnet worden. Dieses Kino ist die Grundlage der Kinokultur in Mainz: Das Programm ist hervorragend kuratiert – besondere Filme aus vielen unterschiedlichen Genres und Nationen, immer wieder auch in Originalsprache, dazu viele Veranstaltungen. Dem Programmkino Capitol&Palatin droht durch ein Gebäudekauf durch ein großes Immobilienunternehmen die Schließung. Mehr Informationen gibt es hier und hier. Eine Petition zum Erhalt dieses wichtigen Kinos gibt es hier. Bitte unterstützen!Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenMusik von Johannes KlanVesperLitauen 2022, 114 Min., Regie: Kristina Buozyte und Bruno Samper
Folge 1157: TENET - Die Trümmer des kommenden Krieges
04-09-2022
Folge 1157: TENET - Die Trümmer des kommenden Krieges
Christopher Nolan ist bekannt dafür, dass seine Filme einer klaren Struktur folgen wie die Ergebnisse einer mathematischen Formel. Das führt zu spannenden Resultaten, über die viel diskutiert und gestritten wird. Bei Interstellar hat Thomas sogar mit sich selbst gestritten, siehe hier und hier. Bei TENET geht Nolan besonders konsequent vor: Er nimmt das Genre und die Regeln des großen Agentenfilms als Spielfeld und lässt darauf seine Schachfiguren, vor allem den „Protagonisten“, Zug für Zug um den Sieg kämpfen. Aber Nolan spielt natürlich 3-D-Schach, oder besser 4-D-Schach in TENET, denn er bringt eine neue Spielregel mit, die unseren Verstand herausfordert: Was wäre, wenn wir unter bestimmten Bedingungen nicht an die Linearität der Zeit gebunden wären. Und wie würden Geheimagenten damit umgehen?TENET gelingt eine hochspannende Fusion aus SF und Agentenfilm, die auch dank seiner herausragenden Schauspieler:innen John David Washington, Robert Pattinson und Elizabeth Debicki. Washington und Pattinson zeigen die Professionalität, Coolness und die Empathie ihrer Helden und Elisabeth Debicki bringt eine starke, emotionale Ebene. Direkt nach dem Heimkino sprechen Hendrik und Thomas im Podcast über ihren ersten Eindruck und Tom über seinen dritten Eindruck – und Hendrik erklärt, warum der Film TENET heißt und der Antagonist Sator.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild: © 2020 Warner Bros. Home EntertainmentTenetUSA 2020, 150 Min., Buch und Regie: Christopher Nolan
Folge 1155: PREY - Unterschätze nie die Jägerin
28-08-2022
Folge 1155: PREY - Unterschätze nie die Jägerin
Die Komantschin Naru will sich als Jägerin bewähren. Dafür muss sie sich aber nicht nur gegen die männlichen Jäger durchsetzen, die sie nicht ernst nehmen, sondern auch einen Initationsritus durchstehen: Die Jagd auf ein Raubtier. Doch statt eines Pumas oder schlimmer noch eines Bären, muss sich Naru eines übermächtigen Jägers erwehren, der aus dem All gekommen ist, um Trophäen zu sammeln. Der Predator weiß zu kämpfen, aber Naru weiß zu überleben …Die Selbstverständlichkeit, mit der die Komantschin Naru einfach nur eine junge Frau ist, die zu ihren eigenen Bedingungen erwachsen werden will, ist beeindruckend. Keine Prinzessin, nicht vom Schicksal auserwählt oder durch magische Kräfte gedopt, nein, Naru ist einfach nur klug und fit, sie ist gut vorbereitet, sie schaut genau hin, schätzt die neue Gefahr vor allen anderen richtig ein, behält die Nerven und kämpft trotzig und einfallsreich ums Überleben. Ellen Ripley und Naru – sie hätten sich gut verstanden. Naru ist eine Heldin, mit der man sich gerne identifiziert – großartig verkörpert von Amber Midthunder, die Lakota-Wurzeln hat.Der Film selbst ist mit seinen 92 Minuten Nettolaufzeit geradlinig erzählt und zitiert gerade im richtigen Maß John McTiernans Film von 1987. Regisseur Trachtenberg baut die Spannung geschickt auf – auch unterstützt von Sarah Schachner sehr gutem Score und den unerwartet schönen, manchmal sehr ruhigen Bildern von Jeff Cutter (Kamera). Direkt nach dem Heimkino sprechen Tom, Harald und Thomas über ihren fast ausnahmslos sehr positiven, ersten Eindruck von PREY.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild © 2022 Walt Disney Studios All Rights ReservedMusik von Johannes KlanPreyUSA, 2022, 100 Min., Regie: Dan Trachtenberg
Folge 1154: TARGET (Nippon Connection 2022) feat. Patrick Torma (journalistenfilme.de)
27-08-2022
Folge 1154: TARGET (Nippon Connection 2022) feat. Patrick Torma (journalistenfilme.de)
In Japan findet Geschichtsrevisionismus statt. Ein Kriegsverbrechen wird seit vielen Jahren von der rechtskonservativen Regierung Japans verharmlost und tabuisiert: die Vergewaltigung, Folterung und Tötung tausender Mädchen und jungen Frauen in den von Japan im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten, vor allem in Korea. Berichterstattung über die so genannten „Comfort Women“ wird unterdrückt.Das ist der Hintergrund des Dokumentarfilms TARGET von Shinji Nishijima. Rechtskonservative regierungsnahe Gruppen greifen den Journalisten Takashi Uemura an, weil er 1991, also vor zwanzig Jahren, über die Comfort Women und die Zeugenaussage einer überlebenden „Trostfrau“, der Koreanerin Kim Hask-sun, geschrieben hatte. Seine Artikel werden als erfunden und erlogen angeprangert, er wird öffentlich angegriffen, seine Hochschule, an der er Professor war, lässt ihn fallen: Die Hokusei Gakuen University in Sapporo bittet Uemura um Kündigung. Es gibt Morddrohungen gegen Takashi Uemura. Der Film zeigt seine Versuche, gegen die Beschuldigungen zu klagen.Thomas hat sich für dieses düstere und komplexe Thema kompetente Unterstützung geholt und begrüßt als Gast den filmbegeisterten Journalisten Patrick Torma. Patrick ist nicht nur ein großartiger Gesprächspartner sondern vor allem auch der Gründer des bekannten und extrem lesenswerten Blogs und hörenswerten Podcasts journalistenfilme.de. Mit ihm diskutiert Thomas u.a. darüber, ob die Vorwürfe gegen Takashi Uemura und die Zeitung Asahi Shimbun berechtigt sind und inwiefern der Dokumentarfilmer Shinji Nishijima bei der Begleitung von Uemura unabsichtlich den Geschichtsrevisionisten in die Falle geht und die eigentliche Geschichte – nämlich das Kriegsverbrechen an den Comfort Women – fast aus dem Blick verliert.Mehr Informationen zum Film und zum ThemaReview des Films von Hayley Scanlon in “Windows on Worlds”Patrick Torma: “Japan und die “Trostfrauen”: Target (Doku, 2021)”Oliver Bechmann: Ein Schrein und Sex-Sklavinnen (Frankfurter Rundschau)Kathrin Erdmann: Japan sollte sich richtig entschuldigen (Deutschlandfunk Kultur)Hier unsere Podcastfolge zum Film THE JOURNALIST über die kritische Journalistin Isoko Mochizuki.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenBild: © Document AsiaTargetJapan 2021, 99 Min., Regie: Shinji Nishijima
1153: NOPE - I will make a spectacle of you
23-08-2022
1153: NOPE - I will make a spectacle of you
Jordan Peele hat sein Ziel erreicht. Er hat sich als Markenzeichen etabliert und er steht für hochwertig produzierte, doppelbödige Horrorfilme. Nach GET OUT und US war also schon klar, welches Genre auf uns zukommt und der Trailer zeigte bereits eine Art UFO, das besonders gefährlich ist, wenn man hinschaut. Vordergründig erzählt Peele eine spannende Geschichte aus dem Genre Creature-Horror. Für den Pferdetrainer OJ (Daniel Kaluuya) geht es darum, den Tod seines Vaters zu rächen und darum will er verstehen, was wirklich geschieht. Seine temperamentvolle Schwester Em (Keke Palmer) sieht auch die Chance auf Ruhm und Reichtum. Also muss der Gegner nicht nur besiegt, sondern auch auf Film gebannt werden.Parallel zu dieser spannenden Handlung zeigt uns Jordan Peele das tragische Ende einer Sitcom, in der ein Schimpanse Menschen angreift und nur den Jungen verschont, der ihn nicht anschaut. Damit öffnet Peele die Tür zu weiteren Ebenen seines Films. Es geht um unsere Gier nach Unterhaltung und Spektakel, um die einzig wahre Währung Aufmerksamkeit, aber auch um Rassismus, darum vor dem weißen (!) Monster, das sich als Herrscher des Tals fühlt, besser die Augen zu senken – ein Monster, das die bunten (!) Fahnen wieder ausspuckt. Direkt nach dem Film loben Johanna, Hendrik, Harald und Thomas die Spannung und versuchen sich einen ersten Reim auf Jordan Peeles neuen Film zu machen.Unseren ersten Eindruck von Jordan Peeles GET OUT könnt Ihr Euch hier anhören.Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0Quelle: SchönerDenkenMusik von Johannes KlanNOPEUSA, 2022, 130 Min., Regie: Jordan Peele