Folge 1257: NAPOLEON - Kaspar Hauser in Austerlitz

SchönerDenken FilmPodcast

10-12-2023 • 14 Min.

Biopics sind ein schwieriges Genre: Allgemeinbildung spoilert dem Publikum gnadenlos die Handlung. Und dann ist das, was historisch überliefert ist, in vielen Details gar nicht Kino-tauglich. Also erlaubt man sich auf der einen Seite künstlerische Freiheiten und das ist absolut in Ordnung. Auf der anderen Seite ist man so akkurat bei Requisiten, Uniformen und Namen, wie es nur geht. Diesen Teil erledigt Ridley Scott perfekt. Jede Szene, vor allem die Schlachten sind absolutes Deluxe-Material für jede große Napoleon-Doku bei arte oder der BBC. Alles ist überzeugend bis ins Detail. Und perfekt inszeniert. Kameraführung, Licht, Schnitt, das ist ganz großes Handwerk, visuell ein Meisterwerk.

Trotzdem sind wir wenig euphorisch aus dem Kino gekommen. Das könnte daran liegen, dass Joaquin Phoenix seinen Napoleon wie einen Kaspar Hauser anlegt, eine introvertierte Sphinx, die gerade in der ersten Hälfte oft mit halbgeschlossenen Augen durch den Film wankt – nur bei sexuellen Gefechten mit Josephine und auf dem Schlachtfeld wird er wach. Ridley Scotts NAPOLEON wechselt – oft abrupt – zwischen seinen beiden Hauptsträngen: der amour fou mit der charismatischen Josephine (herausragend: Vanessa Kirby) und epischen Schlachtszenen – noch nie ist der Tod von drei Millionen Männern auf einem Schlachtfeld so gekonnt dargestellt worden.

Napoleon wird als Charakter im Film nicht fassbar, er bleibt eine Idee, eine gemeinsame Erinnerung, kein Mensch, den man lieben oder hassen könnte, mit dem man mitfühlen könnte oder um den man bangen könnte. Diese Leerstelle ist die schwerste Hypothek des Film. Dabei liefert der historische Napoleon Stoff für einen fantastischen Antihelden: ein genialer Emporkömmling, Massenmörder und politischer Visionär, der unsere Welt verändert und bis heute geprägt hat. Das alles wird nur angedeutet. Das Wichtigste: Würde die Figur Napoleon uns im Film berühren, würden alle anderen Kritikpunkt verblassen: die sprunghafte Dramaturgie, das mangelnde Interesse an Nebenfiguren, der aufdringliche Score. Auf eine echte Stärke des Films weist Johanna hin: Napoleon wird nicht verherrlicht.

Im Podcast direkt nach dem Kino wünschen wir uns, dass Sophia Coppola die Geschichte aus Josephines Sicht erzählen würde, gerne wieder mit Vanessa Kirby. Und wir diskutieren, ob NAPOLEON vielleicht doch das Sequel zu JOKER ist 🙂 Am Mikrofon: Johanna, Katharina, Heidi, Peter, Tom und Thomas.

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